Entspannung durch Lesen - Menschliche Psyche - 02. September 2014
 
 

Entspannung durch Lesen


Ist Lesen in unserer heutigen Zeit out?

Während man noch vor Jahren prall gefüllte Bücherschränke hatte und sich nach getaner Arbeit mit einem Buch in die Stille zurückzog, läuft heute der Fernsehapparat bereits schon zum Frühstücksfernsehen. Man muß sich nicht mehr auf die gelesenen Zeilen konzentrieren, sondern bekommt in Filmberichten, Reportagen und anderen Sendungen das Wissen erzählt.
Grundsätzlich ist gegen erlerntes Wissen, aufgenommen über die Ohren und Augen, nichts einzuwenden.

Das Lesen in der Stille bietet jedoch viele Vorzüge. Bei gelesenem Text wird die Fantasie angeregt und es laufen Filme im Kopf, die das Gelesene verarbeiten. So ist das Gehirn mit seinen inneren Bildern und Filmen ständig beschäftigt und kann real erlebte Situationen gut verarbeiten. Bleibt die Konzentration zeitweilig bei dem eigenen, inneren Film, so kann man das Buch zur Seite legen und sich der Verarbeitung eigener Gedanken hingeben.

Bei vermitteltem Wissen durch Filme werden viele Details, die für eine Verarbeitung wichtig wären, nicht aufgenommen, weil durch die kurze Präsentation der Filmfolge die Zeit für ein exaktes Aufnehmen von Wissen und die damit verbundene Verarbeitung fehlt. Bei einem Film mit Handlung sind oft die Details nicht wichtig, sondern entweder die Handlung selbst oder die Modalitäten (wie bei einem Krimi). Bei einem gelesenen Krimi allerdings wird das Gehirn angeregt, seine eigenen Lösungswege zu gehen und die Auflösung vieler Fragezeichen durch eigene Ressourcen, Erlebnisse, Gefühle, Wünsche und Träume anzustreben. Natürlich wird das Belohnungszentrum aktiviert, wenn aus eigener Leistung Lösungen gefunden werden und somit ergibt sich eine hohe Zufriedenheit.

Wenn ein Buch zu Ende gelesen wurde, schwingen die gelesenen Inhalte noch lange nach und man kann sich teilweise noch nach Jahren an Inhalte und Modalitäten des Buches erinnern. Dieses Buch wird gehütet und viele Buchleser sprechen von "ihren Freunden, den Büchern", weil ein anderes, nachhaltiges  Erleben mit diesem Buch verbunden wird. Einen gesehenen Film hingegen hat man nicht in der Intensität im Kopf und behält vielleicht noch den Lieblingsschauspieler und wenige Modalitäten.

Die Stille ist eine erholsame Zeit, in der Stress des Alltags mit seinen vielen Geräuschen abgebaut wird. Hier kann sich das Gehirn, konzentriert auf die gelesenen Zeilen, seinen eigenen Wegen der Verarbeitung hingeben und sich auch Zeit lassen, spezielle Fragezeichen selbst zu lösen. Diese Zeit und Konzentration der eigenen Lösungswege entspannen das Gehirn und somit auch den Körper. Es findet eine innere Ruhe und Gelassenheit statt, die bei einer Filmpräsentation nicht in dieser Tiefe stattfinden kann.

Selbst wenn man einen Film anschaut, der "an die Nieren geht", ist man spätestens dann aus dem Erleben gerissen, wenn die Werbung eingeblendet wird. Aber auch Filme ohne Werbeschaltung versetzen eher in Stress, wenn mitten im Film das Telefon klingelt, der Postbote einen Brief abgeben möchte oder sonstige Störungen eintreten. So können die Filminhalte nicht in dieser Intensität aufgenommen werden.

Ein Buch hingegen wird zur Seite gelegt und wenn der Körper bereit ist, sich den Zeilen wieder hinzugeben, tritt die Ruhe beim Lesen wieder ein, weil man dort ansetzen kann, wo man durch die Störung aufhören musste und sich schnell wieder im Thema der Inhalte einfindet. Selbst wenn die Störung, vielleicht durch eine schlechte Nachricht, massiv war, hat man die Möglichkeit, einige Seiten zurück zu blättern, um sich wieder einzufinden in die Thematik. So kann in der Stille sogar eine im Unterbewusstsein stattfindende Verarbeitung z.B. einer schlechten Nachricht aufbereitet werden, um sie zu gegebener Zeit an die Oberfläche holen zu können und mit klarem Blick zu handeln.