Integration in die Pferdeherde - Tierhaltercoaching - 20. Mai 2012
 
 

Integration in die Pferdeherde


Problemstellung
Pferd 3 ist ein 7jähriger Wallach, wurde als 3. Pferd 4jährig gekauft und in eine bestehende Zweierherde gestellt. Er war die ersten 4 Jahre seines Lebens auf einer Weide im großen Herdenverband, nicht geritten, nicht ausgebildet und nicht zivilisiert. Er gab keinen Huf und machte Probleme, wenn der Tierarzt oder Schmied ihren Job tun wollten. Er war beim Kauf wie ein kleines, ungestümes Fohlen, das sich nicht am Halfter führen lassen wollte. Er zog seine Besitzer am Strick hinter sich her. In den darauffolgenden 3 Jahren wurde er angeritten, erhielt eine korrekte Grundausbildung, wurde auch freizeitmäßig im Gelände geritten und war im Umgang brav bis ungestüm.
Die Besitzer bekamen eine eigene Weide und stellten ihre drei Pferde dort als Herdenverband zusammen. Nach wenigen Wochen begannen die Probleme, daß das Pferd 3 kränkelte, unspezifische Lahmheiten zeigte, sich nicht mehr korrekt reiten ließ, ungehorsam im Umgang war. Das Immunsystem war nicht stabil, was sich in latentem Husten und kleineren Erkältungen u.a. Wehwehchen äußerte.
Den Besitzern fiel auf, daß er oft traurig schaute. Das traurige Erscheinungsbild wurde auf die verschiedensten Möglichkeiten geschoben, jedoch änderte sich bei positiver Veränderung der Umstände der Eindruck nicht. Man hatte das Gefühl, das Leben sei aus dem Pferd heraus.

Meine Diagnose
Eindeutig handelt es sich hier um ein Rollenkompetenzproblem, das seinen Ursprung in dem Problem der Herdenintegration hat. Integration in die Herde ist für ein Pferd lebensnotwendig, um sich gegen wilde Tiere und Gefahren, die von außen drohen, innerhalb der Herde zu schützen.

Wichtigkeit der Problemlösung: auf der Scala 10

Coachees        Pferd 3, 7 Jahre alt, Wallach

Ausgangsproblem: fehlende Integration in den Herdenverband

Dauer des Coaching: 4 Tage

Herausforderung: Klärung der Hierarchie in der Herde

Erster Eindruck:
Pferd 3 macht einen traurigen Eindruck,
Immunsystem nicht stabil,
neigt zu kleineren Wehwehchen,
unrittig, widersetzlich,
sehr schreckhaft bis ängstlich,
unzufrieden, schüchtern, unerwachsen
ungehorsam bis aggressiv,

Problembeschreibung: Pferd 1 = 21 Jahre, Pferd 2 = 12 Jahre, Pferd 3 = 7 Jahre

interpretierte Sicht des Choachees:
Ich gehöre nicht in diese Herde, ich habe meinen Platz noch nicht gefunden

Wichtigkeit des Problems: auf der Scala 10

Bisherige Lösungsversuche:
            Gemeinsames Ausreiten, gemeinsame Pflegestunde
            nur diese 3 Pferde auf einer Nachbarweide allein.

Strategie: Wechsel der Örtlichkeiten und die damit verbundenen Gegebenheiten.

Auszug aus dem Stall und Einzug auf eine Sommerweide mit einem bestehenden Herdenverband bestehend aus Pferd 1 (Herdenchef) und Pferd 2 (seit 12 Jahren bester Freund und Zögling)

Pferd 1 und 2 sind ein langjähriger Herdenverband und kleben aneinander. Pferd 3 gehört zwar zur Herde (selbe Besitzer) und zieht immer mit, falls der Stall gewechselt werden muß, jedoch hat er keinen wirklichen Bezug zu "seiner Herde".

Alle drei Pferde ziehen auf eine einsame Sommerweide ohne Nachbarweide und damit verbundenem Herdensystem. Pferd 3 muß lernen, seinen Platz im Herdenverband zu finden.

Pferd 3 steht immer allein, wenn Pferd 1 und 2 Fellpflege betreiben oder sich gegenseitig die Fliegen im Sommer aus dem Gesicht vertreiben durch Schweifschlag. Pferd 3 ist absolut ausgestoßen. Man sieht ihm an, dass er darunter leidet und einsam ist.

Bei Pferden ist es existenziell, dass sie einen Freund haben, der z.B. mit ihnen Fellpflege betreibt oder auch den Rücken abdeckt zum Schutz gegen natürliche Feinde. Pferde haben eine 180 Grad Sicht und es ist lebenswichtig, sich mit seinem Freund gegeneinander zu stellen, um die Rückansicht abzudecken gegen Gefahren.
Pferde sind monogam und treu.
So war es ein Versuch, eine Dreierbeziehung herzustellen.

Am ersten Tag stand Pferd 3 ziemlich einsam, allein, schutzlos abseits von der Herde Pferd 1 und 2 beim Grasen.

Am nächsten Tag wurde eine große Heuraufe gebaut, um alle Pferde "an einen gemeinsamen Tisch" zu bringen. Da Pferd 3 deutlich größer ist als die beiden anderen Pferde, hatte er die Möglichkeit, den alten Herdenchef durch Beißattacken zu vertreiben, was für diesen ebenfalls existenziell gewesen wäre. Pferd 2 stellte sich intuitiv an die schmale Seite der Heuraufe, also zwischen die Kontrahenten.

In einer Herde passiert es häufig, dass der Herdenchef ständig von einem jüngeren, stärkeren, männlichen Youngster angefeindet und je nach Alter und Gebrechlichkeit des Herdenchefs vertrieben wird. So übernimmt der Youngster die Herdenführung und die Herde folgt immer dem Stärkeren, was dazu führt, dass der alte, ausgediente Chef ausgesondert und somit den Gefahren der freien Wildbahn ausgesetzt wird.

Es wurde ein großer Heustapel 5 m entfernt von der Heuraufe platziert, um dem alten Pferd die Möglichkeit der Nahrungsaufnahme zu ermöglichen. Pferd 1 und 2 wendeten sich ab und fraßen nun beide abseits und ließen somit den Youngster wieder ausgegrenzt allein an der Heuraufe stehen.

Das war nicht gewollt. So wurde ein kleiner Stapel Heu direkt neben die Heuraufe auf den Boden platziert, so dass der Alte zwar mit am Tisch steht, jedoch vom Boden frisst. Pferd 3 kam nicht mehr an den Alten heran, um ihn mit Beißattacken zu vertreiben.

Am 3. Tag beobachteten wir, dass Pferd 3 sich offensichtlich damit abgefunden hatte, nicht der Chef zu werden, weil der Alte ihn nun verstanden hatte und ihn in die Herde integrierte.
Der Herdenchef hatte mit Verstand seine Position verteidigt. Mit Gewalt hätte er den Kürzeren gezogen. Er war seiner Rolle würdig, weil er ein ausgegrenztes Mitglied seiner Spezies mit Verstand in seine Herde eingegliedert hatte.

So standen alle drei gegeneinander, um sich gegen Feinde abzudecken. Sie fraßen gemeinsam auf der Weide in einem Radius von 5 m, was für den Herdenverband durchaus akzeptabel ist. Der Alte akzeptierte jetzt, dass der Youngster auch mal mit Pferd 2 spielte und rangelte. Der Chef wurde nicht mehr verbissen, weil er mit großem Pferdeverstand die Herde zusammen geschweißt hatte.

Man konnte am Verhalten aller drei Pferde erkennen, dass die Hemmschwelle zur Nähe des anderen aufgelöst war und ein friedliches Miteinander herrschte.

Nach 3 Monaten wurde die Sommerweide aufgelöst und man zog zurück in einen Stall. Das Verhältnis der drei Pferde zueinander hatte sich so weit gefestigt, dass es sogar anderen Pferdebesitzern auffiel, wie eng alle drei Pferde miteinander lebten.

Ergebnis des Coaching:
Pferd 3 macht einen in sich ruhenden, fröhlichen Eindruck,
Immunsystem stabil,
arbeitswillig, gelehrig, gehorsam, zufrieden,
eines Pferdes natürliche Schreckhaftigkeit,